Wer ist deutsch?
20 März|19:00 - 21:30

Von Stadtbildern, Alltagsrassismus und Vielfalt als Fundament unserer Demokratie
Wer ist deutsch?
Datum Freitag, 20. März 2026
Uhrzeit 19:00-21:15 Uhr
Ort Bellevue di Monaco, Großer Saal im Hinterhaus, 1. Stock
Moderation Dr. Carlos Alberto Haas, Geschäftsführung, Historisches Kolleg, München
Grußworte Anna Lang, Willkommen in München Caritas(WiM), Dr. Corina Toledo FKP
Referentinnen Sinem Gökser, Referentin für Diversität und Inklusion der Münchner Kunsthochschulen
Modupe Laja, Literaturwissenschaftlerin, Initiative Schwarze Deutsche (ISD)
Prof. Dr. Simon Goebel, Professor für Soziale Arbeit und Diversität THA Augsburg
Musikalische Begleitung
Anmeldung: Münchner Bildungswerk e. V.
Kooperationspartner: Caritas WiM / Bellevue di Monaco /Arrival Aid / Münchner Bildungswerk e. V.
Anmeldung Münchner Bildungswerk e. V.,
Angesichts politischer Entwicklungen und gesellschaftlicher Narrative ist die Frage „Wer ist deutsch?“ von zentraler Bedeutung für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Sie berührt den Kern unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts, ist keine juristische Formalität, sondern eine Herausforderung an unser Miteinander und die Gestaltung einer inklusiven Zukunft. Die unselige Aussage von Kanzler Friedrich Merz zum „Stadtbild” im Oktober 2025 trifft in den Kern dieser Debatte.
Rechtlich ist klar: Staatsangehörigkeit schafft formale Zugehörigkeit. Doch darüber hinaus geht es um soziale Anerkennung und kulturelle Teilhabe. Gesellschaftliche Zugehörigkeit entsteht durch Miteinander, Akzeptanz und das Gefühl, ein Teil des Ganzen zu sein. Gerade Letzteres erleben viele Deutsche mit Vorfahren aus anderen Ländern immer seltener – stattdessen begegnen sie Alltagsrassismus und der Frage nach ihrer Nationalität, auf die so oft die Antwort ist: „Deutsch! Was macht Zugehörigkeit aus? Und was können wir alle zu einer integrierenden Gesellschaft beitragen?
Kooperation: Frau-kunst-politi e.V., Caritas WiM, Bellevue di Monaco, Arrival Aid
Einladung zur Diskussion: „Wer gehört zu Deutschland?“
Politische Umbrüche und neue gesellschaftliche Erzählungen machen eine Frage drängender denn je: Wer gehört zu Deutschland – und wer entscheidet darüber? Diese Frage ist kein abstraktes Gedankenspiel. Sie bestimmt, wer gesehen, gehört und anerkannt wird – und wer im Schatten gesellschaftlicher Zuschreibungen bleibt. Sie berührt den Kern unseres demokratischen Selbstverständnisses und damit den Zusammenhalt einer Gesellschaft im Wandel.
Deutschland ist längst ein Einwanderungs- und Integrationsland. Die alltägliche Vielfalt in unseren Städten, Schulen und Lebenswelten zeigt jeden Tag: Hier leben Menschen mit unterschiedlichsten Herkunftsgeschichten, Erfahrungen und Perspektiven zusammen. Doch während viele diese Realität längst leben, bleibt ihre gesellschaftliche Anerkennung umkämpft.
Wer gilt als deutsch? Wer gehört wirklich dazu? Zugehörigkeit entsteht nicht allein durch rechtliche Zugehörigkeit, sondern dort, wo Menschen sich als gleichwertige Mitglieder der Gemeinschaft erfahren – durch soziale Teilhabe, gegenseitige Anerkennung und Respekt. Wie Prof. Dr. Naika Foroutan betont, definiert sich Deutschsein heute nicht über Herkunft, Hautfarbe oder Name, sondern über gemeinsame Werte und demokratische Teilhabe.
Vor diesem Hintergrund ist die „Stadtbild“-Rhetorik von Bundeskanzler Merz nicht nur falsch – sie ist gefährlich und zutiefst spaltend. Mitte Oktober 2025 erklärte er, im „Stadtbild“ zeige sich „noch dieses Problem“ und begründete dies mit Rückführungen. Besonders erschütternd und infam war seine Aussage: „Fragen Sie die Töchter, sie wissen, was ich meine.“ Mit diesem Satz instrumentalisierte er Frauen, um pauschal Migrantinnen – insbesondere Männer – als Bedrohung zu stilisieren. Sexualisierte Gewalt, Belästigung oder Femizid wurden rhetorisch benutzt, um Angst zu schüren und die Zugehörigkeit von Menschen mit Migrationsgeschichte infrage zu stellen. Gleichzeitig blendet diese Argumentation strukturelle Gewalt und Diskriminierung gegen Frauen in der Mehrheitsgesellschaft vollständig aus. Es ist ein zynischer Versuch, Menschen kollektiv zu stigmatisieren und die zentrale Frage: Wer gehört zu Deutschland? in eine spaltende Richtung zu verschieben.
Solche Vereinfachungen reduzieren komplexe soziale Herausforderungen – Armut, Wohnungsnot, Unterbringung, soziale Ausgrenzung – auf ethnisch markierte Körper und Gesichter. In einer offenen, pluralistischen Gesellschaft sind sie nicht hinnehmbar. Dass Tausende Menschen unter dem Slogan „Wir sind das Stadtbild“ protestierten, zeigt, wie sehr viele sich verletzt, stigmatisiert und ausgeschlossen fühlten.
Wer gehört zu Deutschland – wirklich?
Politische Verantwortung verlangt, Missstände zu benennen und Lösungen einzufordern, ohne Menschen zu Sündenböcken zu machen. Angst zu schüren oder Vorurteile zu bestätigen darf niemals Teil demokratischer Politik sein – genau das aber passiert mit der „Stadtbild“-These. Sie gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Vertrauen in eine gemeinsame demokratische Zukunft.
Unsere Veranstaltung setzt diesem Spaltungsversuch ein klares Signal entgegen. Sie will ein inklusives „Wir“ stärken – eines, das nicht auf äußerlicher Homogenität, sondern auf gemeinsamen Werten, gegenseitiger Anerkennung und solidarischer Teilhabe beruht. Wir setzen dem Narrativ von „Problemvierteln“ und „Stadtbildern“ eine einfache, aber kraftvolle Botschaft entgegen: Vielfalt ist unsere Stärke. Ausschluss ist kein Politikentwurf, sondern ein gesellschaftlicher Rückfall.
Wir laden Sie ein, mit uns zu diskutieren: Wer gehört zu Deutschland? Wie definieren wir Zugehörigkeit als soziale, kulturelle und emotionale Praxis, die niemanden aufgrund von Herkunft, Name oder Aussehen abwertet oder ausgrenzt? Denn Zugehörigkeit ist kein Privileg, sondern eine gemeinsame Aufgabe und das Fundament einer gerechten und offenen Demokratie.
Prof. Dr. Simon Goebel Foto: Ilona Stelzl/THA
“Demokratie verteidigen heißt Ausgrenzung und soziale Ungleichheit bekämpfen.”
Prof. Dr. Simon Goebel hat Europäische Ethnologie/Volkskunde, Politikwissenschaft und Philosophie an der Universität Augsburg studiert. Seit 2012 bis 2021 hatte er Lehraufträge an der Hochschule Augsburg, der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, der Alpen-Adria Universität Klagenfurt und der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Villingen-Schwenningen. 2014-2020 war er Referent und Berater zu den rechtlichen Rahmenbedingungen der Teilhabe von Geflüchteten am Arbeitsmarkt bei Tür an Tür, einem Projekt der Integrationsprojekte gGmbH in Augsburg. 2015-2016 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Initiativgruppe „FluchtMigration und gesellschaftliche Transformationsprozesse“ an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, wo er 2016 zum Dr. phil. im Fach Europäische Ethnologie/Volkskunde promovierte. Es folgte 2018 ein Stipendium der Akademie für politische Bildung Tutzing im Diskursprojekt „Wege der Integration“. 2019-2021 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum Flucht und Migration (ZFM) der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. 2021 wurde Simon Goebel von der Technischen Hochschule Augsburg auf die Professur für Soziale Arbeit und Diversität berufen.
Modupe Laja
Modupe Laja ist eine afro-deutsche Literaturwissenschaftlerin, Kuratorin und bildungspolitische Referentin. Ihr Engagement ist eng mit kolonialkritischen und feministischen Diskursen verbunden, die von ADEFRA – Schwarze Frauen in Deutschland – und der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland ausgingen. Sie gilt als eine der Wegbereiterinnen der neuen afro-deutschen bzw. Schwarzen Bewegung seit den 1986ern. Als deutsch-nigerianische Aktivistin war sie maßgeblich an der Selbstorganisierung von Menschen afrikanischer Herkunft und der Gründung zivilgesellschaftlicher Organisationen mitbeteiligt. Aufgrund ihres langjährigen Engagements wurde sie in 2025 mit der Bayrischen Staatsmedaille für Soziale Verdienste ausgezeichnet.
Laja verbindet wissenschaftliche Expertise mit einem community-basierten Ansatz für partizipative Mitsprache in Kultur, Kunst und Bildung. Im Zentrum ihrer kulturpolitischen Arbeit stehen Repräsentationen aus afro-deutscher bzw. Schwarzer Perspektive und die Auseinandersetzung mit eurozentrischen Konzepten sowie dekolonial-feministische Denkansätze und Schwarze Widerstandsnarrativen. Sie verfasste u.a. rassismuskritische Analysen zum Afrikabild in deutschsprachigen Kinder- und Schulbüchern. Als Kuratorin wirkte sie 2013 und 2023 an Ausstellungsprojekten des Münchner Stadtmuseums mit. 2025 verantwortete sie die Kuration und Projektleitung des „Dekolonialen Forums“ im Münchner Alten Rathaus im Rahmen der zweiten UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft.
Dr. Carlos Alberto Haas
Dr. Carlos Alberto Haas leitet seit April 2025 die Geschäfte des Historischen Kollegs in München, einem renommierten Institute for Advanced Study in der Geschichtswissenschaft.
Der in Guatemala geborene Historiker verbindet in seiner Arbeit eine tiefe Expertise in der europäischen Zeitgeschichte mit einer ausgeprägten internationalen Perspektive, insbesondere in Bezug auf den lateinamerikanischen Raum.
Nach seinem Studium der Musikwissenschaft und Geschichte in Heidelberg und Rom wurde Haas 2018 an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) mit einer preisgekrönten Arbeit über das jüdische Privatleben unter nationalsozialistischer Besatzung promoviert. Seine wissenschaftliche Laufbahn führte ihn unter anderem an das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin sowie als Fellow und Dozent nach Costa Rica, Guatemala und in die USA.
In seiner aktuellen Rolle am Historischen Kolleg setzt sich Carlos Alberto Haas maßgeblich für die Internationalisierung der historischen Forschung und die Vernetzung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ein. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen neben der Holocaust-Forschung auch die deutsche Kolonialgeschichte und die internationalen Beziehungen Zentralamerikas. Er ist zudem als Herausgeber und Autor tätig, zuletzt mit Publikationen zum Erbe des Auswärtigen Amtes in den ehemaligen Kolonien sowie zur Geschichte der globalen Moderne.
Sinem Gökser, Referentin für Diversität und Inklusion der Münchner Kunsthochschulen
Sinem Gökser ist seit Juni 2024 als Verbundstellen-Referentin für Diversität, Gleichstellung und Inklusion an den Münchner Kunsthochschulen tätig. Im Rahmen des Pilotprojekts baut sie die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen HFF, HMTM, AdBK und der TAK auf, entwickelt Strategien und unterstützt die jeweiligen Ansprechpersonen der Häuser.
Sie studierte Geschichte und Kultur des Nahen und Mittleren Ostens, Turkologie, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der LMU München; ihre Abschlussarbeit widmete sie dem Thema Migration im Film. Über zehn Jahre lang verantwortete sie die Theater- und Literaturleitung der Pasinger Fabrik und kuratierte zahlreiche internationale Kulturformate.
Weitere Stationen waren u.a. die Co-Koordination der Eröffnungsfeierlichkeiten der 1. MAKKABI Deutschland WinterGames 2023. Zudem engagiert sie sich für das KOMPETENZTEAM VIELHEIT und setzt sich für mehr Diversität in der Münchner Kulturlandschaft ein.
Anna Lang, Willkommen in München Caritas(WiM)
Dr. Corina Toledo, Vorstandsvorsitzende FKP e.V.
Corina Toledo ist Politikwissenschaftlerin, Frauenrechtlerin und Menschenrechtsaktivistin. Sie engagiert sich für Antirassismus, Gleichstellung und die Selbstbestimmung von Frauen – insbesondere im Kontext migrantischer Lebensgeschichten. Künstlerisch tritt sie unter dem Namen Coto auf: als Gestalterin, inspirierende Persönlichkeit und unverwechselbare Stimme mit transkulturellem Blick. In ihren Projekten schafft Coto Räume, in denen sich Menschen und Kulturen begegnen können. Sie entwickelt Bildwelten, die transkulturelle Geschichten erzählen und weit über das Sichtbare hinausweisen. Ihre Werke wirken wie leise, intensive Dialoge zwischen Farbe, Form und Gefühl – jenseits von Zeit und Raum.Ein zentraler Bestandteil ihres Schaffens ist der feministische Blick: Coto macht weibliche Perspektiven sichtbar, öffnet Räume für Selbstbestimmung und legt verborgene Narrative frei, die in gesellschaftlichen Bildern oft unsichtbar bleiben. In ihren Arbeiten hinterfragt sie tradierte Rollenbilder und stellt der Reduktion weiblicher Identitäten kraftvolle, vielschichtige Ausdrucksformen entgegen. Kunst wird für sie so zum Medium des Empowerments – für Frauen, für marginalisierte Stimmen und für alle, die neue Formen des Sehens suchen. Ihr Stil vereint internationale Erfahrung, ausdrucksstarke Farbkompositionen und eine klare, zeitgemäße Formensprache zu einer unverwechselbaren Leichtigkeit. So entstehen Werke, die das Außergewöhnliche sichtbar und erlebbar machen – in München und weit darüber hinaus. In München verwurzelt und in der Welt zuhause, verbindet Coto künstlerische Sensibilität mit mutigem Gestaltungswillen – und schafft Momente, die bleiben.
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